Karate als Schulsport in Bayern

  
Claus-Peter Lippert
Schulsportreferent des BKB, 2006

 
Liebe Sportfreunde, liebe Dojo- und Übungsleiter,
 
immer wieder erreichen mich Anfragen, ob man denn an den Schulen in Bayern jetzt Sound-Karate unterrichten darf. Dies nehme ich als Anlass, einmal grundsätzlich die Lage der Sportart Karate an bayerischen Schulen zu schildern.
 
Bayern ist z. Zt. das einzige Bundesland, in dem – über örtlich und zeitlich begrenzte schulische Arbeitsgemeinschaften hinaus – „normaler“ Karateunterricht offiziell mit kultusministerieller Genehmigung an Schulen gegeben werden kann.
 
Dies war möglich durch die offene und verständnisvolle Haltung der zuständigen Stellen des Kultusministeriums, die wohl auch zurückgeht auf entsprechende positive Unterstützung und Fürsprache seitens des BLSV, in dem der BKB einer der sich am dynamischsten entwickelnden Verbände darstellt.
 
Es hat in Bayern schon immer karatetreibende Lehrer gegeben, die ihre Karatebegeisterung an ihre Schüler in Form von Arbeitsgemeinschaften außerhalb der Unterrichtszeit weitergegeben haben.
 
Unterrichtet wird zurzeit nach einem Lehrplan, der auf einen Entwurf des ehemaligen, mittlerweile leider verstorbenen BKB-Schulsportreferenten Andreas Schölz (vormals Studiendirektor am Michaeli-Gymnasium München) zurückgeht. Dieser Lehrplan ist abrufbar auf der Homepage des Bayerischen Karate Bundes unter www.karate-online.de/bkb/index.htm (dann auf Schulsport und Fachlehrplan klicken!)
 
Organisationsformen
 
Folgende Organisationsformen, innerhalb derer Karate als Sportart außerhalb des Basissportunterrichtes an der Schule angeboten werden kann, sind möglich:
 
Zusätzlicher Sportunterricht (3. bzw. 4. Sportstunde) durch einen Lehrer der Schule mit
   Fachübungsleiter- bzw. Trainer-C- Lizenz für Karate, der im Rahmen seines Pflichtstundenmaßes Karate
   unterrichtet
 
Wahlunterrichts- und Neigungsgruppen sowie Arbeitsgemeinschaften an der Schule , wobei der Leiter ein
   Lehrer der Schule, aber auch ein lizenzierter Übungsleiter sein kann (Finanzierung über einen Fonds der
   Schulbehörde/ des Schulträgers/ des Elternbeirats/ Beiträge der Teilnehmer)
 
Projekttage als mehrtägiges "Kompaktangebot" an die Schüler durch einen karatekundigen Lehrer oder
   einen außerschulischen Übungsleiter (Trainer, Schülereltern, Finanzierung durch Sponsoren oder Beiträge
   der Teilnehmer, etc.)
 
im "Wahlbereich" innerhalb des Sport-Pflichtunterrichtes durch den karatekundigen Sportlehrer
 
Kooperationsmodelle Schule - Sportverein (Der Übungsleiter wird vom Dojo gestellt und bezahlt, das
   dafür öffentliche Zuschüsse erhält; den Übungsraum stellt die Schule, deren Schüler teilnehmen)
 
Talentförderungsmaßnahmen (Leistungsgruppen) im Rahmen der Schule und/oder in Zusammenarbeit mit
   anderen Schulen und mit Vereinen/ bzw. dem Landessportbund
 
Zur besseren Übersicht folgende Tabelle:
 

 
In der Schule kann Karate unterrichtet werden:
 

 
          Lehrer
 
Außerunterrichtlicher
  (freiwilliger) Bereich
 
Pflichtbereich
 

 
          Trainer
 
Außerunterrichtlicher
  (freiwilliger) Bereich
 

 
        Lehrbeauftragter
 
Außerunterrichtlicher
  (freiwilliger) Bereich
 

 
Arbeitsgemeinschaft (AG)
Projekttage
Kooperation Schule/Verein
SV-Kurs
Pausensport/Betreuung
3. Sportstunde
Differenzierter
   Sportunterricht
Wahlunterricht ab Klasse 7
 

 
AG
Projekttage
Kooperation Schule/Verein
SV-Kurs
Pausensport/Betreuung
 

 
AG
Projekttage
Kooperation Schule/Verein
SV-Kurs
Pausensport/Betreuung
Differenzierter
   Sportunterricht
 

 
Notengebung
 

 
Keine Notengebung
 

 
Grundsätzlich keine Notengebung ( jedoch Ausnahmen möglich)
 

Fazit: Nur Lehrer können grundsätzlich im Pflichtbereich eingesetzt werden und Noten geben. In einigen wenigen Ausnahmefällen ( z. B. an speziellen Sportschulen oder im Diff. Sportunterricht) ist es auch möglich, dass Lehrbeauftragte dem Pflichtunterricht beigeordnet werden und zur Notengebung mit herangezogen werden können.
 
Die Rolle des Lehrbeauftragten
 
Lehrbeauftragte dienen der Bereicherung des Unterrichtsangebotes, das über den Pflichtunterricht hinausgeht. Der Unterricht im Pflichtbereich bleibt den hauptamtlichen Lehrern vorbehalten:
 
Beschäftigungsmöglichkeiten
[1]:
 
a) Ehrenamtlicher Lehrbeauftragter ohne Auslagenersatz    0 € / 45-Min.-Stunde
b) Ehrenamtlicher Lehrbeauftragter mit Auslagenersatz       ca. 7 € / 45-Min.-Stunde
c) Lehrbeauftragter mit BAT-Vertrag:
    - an Grund – und Hauptschule                                    ca. 18 € / 45 Min.-Stunde
    - an Real- oder Sonderschulen                                   ca. 21€ / 45 Min.-Stunde
    - an Gymnasien oder Berufsschulen                             ca. 25 € / 45 Min.-Stunde
 
Wichtig ist dabei zu beachten
[2]:
 
Alle Beschäftigungsformen sind abhängig von den jeweils zur Verfügung stehenden Mitteln der
   Regierungsbezirke
 
Ehrenamtliche Lehrbeauftragte nach a) und b) werden von den jeweiligen Schulleitern angestellt
 
Alle Lehrbeauftragte mit BAT-Vertrag werden von den Bezirksregierungen befristet angestellt.
   Es gilt das Prinzip der Bestenauslese bei mehreren Bewerbern.
 
Mit einem BAT-Vertrag darf man maximal für die Dauer von 2 Jahren angestellt werden, danach nie
   wieder!! „ ... ein Dauerarbeitsverhältnis muss unter allen Umständen vermieden werden...“ .
 
Lehraufträge dürfen maximal 8 Wochenstunden umfassen
 
Alle nach a) bis c) angestellte Lehrbeauftragte genießen Dienstunfallschutz und sind von der Haftung
   wegen dienstlicher Tätigkeiten befreit (wie eine hauptberufliche Lehrkraft)
 
Lehrbeauftragte werden nach Vorlage verschiedener Zeugnisse, z. B. Berufsabschluss, Führungszeugnis,
   etc. wie außerberufliche Lehrkräfte (z.B. Pfarrer) eingestellt
 
Alle nach a) bis c) angestellte Lehrbeauftragte müssen das Infektionsschutzgesetz[3] beachten
 
Alle angestellten Lehrbeauftragten müssen die Regelung der Steuergesetzgebung beachten
   (z.Zt. Freigrenze von 1848 € / Jahr
à maximaler Umfang des Lehrauftrages 264 Unterrichtsstunden
   im Kalenderjahr)
 
Für Lehramtsanwärter und Referendare ist das Programm nicht vorgesehen
 
Genehmigungen erteilt die Landesstelle für Schulsport in München
 
Modell Sport nach 1 – Kooperation Schule / Verein
 
Im Sachgebiet "Schule und Sportverein" der Bayerischen Landesstelle für den Schulsport laufen alle wichtigen Fäden und Informationen des Kooperationsmodells Sport nach 1 zusammen.
 
Grundidee und Zielsetzung
 
Pflichtsportunterricht, Schulsport-Wettbewerbe, Sport nach 1 und das im Jahr 2000 eingeführte Modellprojekt "Bewegte Schule" bilden das Gesamtkonzept in Bayern für tägliche körperliche Aktivitäten bei Schülern und Schülerinnen. Schon seit 1991 ist Sport nach 1 im Rahmen des Kooperationsmodells eine wichtige Ergänzung des Pflichtsportunterrichts mit zusätzlichen freiwilligen Sportangeboten in enger Zusammenarbeit zwischen Schule und Sportverein. Mit freizeitorientierten und gesundheitsbezogenen Sportarbeitsgemeinschaften (SAG) wird versucht, Schüler für den Sport zu gewinnen, um sie zu einer gesunden Lebensführung und sinnvollen Freizeitgestaltung anzuleiten. Selbstverständlich bietet Sport nach 1 auch die Möglichkeit einer leistungssportlich orientierten Förderung von sportlich talentierten Schülern. Alle Schulen und Sportvereine sind deshalb zu einer verstärkten Kooperation aufgerufen.
[4]
 
Wie die Zusammenarbeit zwischen Schule und Verein konkret aussehen kann, welche Verträge geschlossen werden können und wie diese auszusehen haben, kann man im Internet auf der Seite http://www.laspo.de/ sich ansehen und die entsprechenden Dateien herunterladen.
 
Wer darf an Schulen Karate unterrichten?
 
Im Folgenden ein kurzer tabellarischer Überblick:

 

 
SportlehrerIn
 

 
Sonstige Lehrer
 

 
KaratetrainerIn
 

 
Lizenz
 

 
keine
 

 
F-ÜL oder TrainerIn C
 

 
F-ÜL oder TrainerIn C
 

 
Pädagogische Zusatzausbildung
 

 
keine
 

 
keine
 

 
z. B. Kinder- oder
Jgd.-Trainer-Lizenz
 

 
Mindestgraduierung
 

 
4. Kyu
(+ Teilnahme an LG bzw. Fortbildung)
 

 
3. Kyu
(+ Teilnahme an LG bzw. Fortbildung)
 

 
3. Kyu
(+ nachgewiesene Trainertätigkeit)
 

 
Alter
 

 

 

 
mindestens 23 Jahre
 

Mitgliedschaft im DKV ist in allen Fällen Voraussetzung
 
„Sound“-Karate oder „normales“ Karate?
 
Die Konzeption „Schulprojekt Sound – Karate“ eignet sich in ganz besonderer Weise für die Umsetzung an öffentlichen Schulen in allen 16 Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland. Sie wurde vom italienischen Karateverband adaptiert und auf Grundlage und im Einklang mit den gültigen Lehrplänen und dem nach wie vor bundesweit gültigen Verbot von „Sportarten mit gefährlichen Schlagtechniken“ von Ralf Brünig, DKV-Schulsportreferent, konzipiert.
 
Allerdings muss festgestellt werden, dass in Bayern als einzigem Bundesland „normales“ Karate an Schulen nach einem verbindlichen Lehrplan (s. oben) unterrichtet werden darf, allerdings mit der Einschränkung auf „absoluten Verzicht auf Trefferwirkung“.
 
Deshalb bin ich der Auffassung, dass wir an bayerischen Schulen zuerst das in den Dojos übliche Karate anbieten sollten, das jedoch durch die Konzeption des Sound-Karate ergänzt werden kann. Eine alleinige Reduktion auf das Unterrichten des Sound-Karate an den bayerischen Schulen halte ich nicht für sinnvoll. Ich sehe es eher als einen Rückschritt für das Schulkarate in Bayern an!
 
Das heißt jedoch nicht, dass nicht Elemente oder sogar die ganze Konzeption des schulischen Sound-Karates auch an bayerischen Schulen unterrichtet werden darf.
 
Nutzen des Karate an Schulen
[5]
 
Warum stößt Karate auf einen solchen Anklang bei Lehrern, Eltern und Schülern? Sicher bedeutet es eine hohe Verantwortung, an der Schule eine Kampfkunst zu unterrichten, deren Techniken im Ernstfall der Selbstverteidigung z. B. Verletzungen verursachen können. Aber neben dem praktischen Effekt eines Sports, der den ganzen Körper trainiert, neben einer wirksamen Selbstverteidigungsmöglichkeit[6] gerade auch für Mädchen steht der unbestreitbare pädagogische Wert von Karate.
 
Karate bedeutet die Erziehung zur Fairness durch den Verzicht auf Trefferwirkung - die Techniken werden kontrolliert ausgeführt, d. h. zwar mit voller Dynamik, aber vor dem Ziel abgestoppt.
 
Karate bedeutet zu lernen, mit eigenen und fremden Aggressionen verantwortungsvoll umzugehen. So betreiben unsere "Karatelehrer" nicht nur Selbstverteidigungstraining und Nachwuchsarbeit. An der Schule haben sie auch die Möglichkeit, Jugendliche durch Karate positiv zu beeinflussen, in einer Zeit, in der ein Teil unserer Jugend immer massiver der Ansicht zu sein scheint, dass Probleme und Konflikte vorrangig mit Gewalt zu lösen seien. Unsere "Karatelehrer" ,in gewisser Weise "Experten für Gewalt", sind imstande, den Jugendlichen den Weg der Friedfertigkeit, der Fairness, des Verzichts auf den ersten Schlag zu lehren.
 
Wissenschaftliche Untersuchungen belegen sogar, dass richtig angewandtes Karate als Anti-Aggressivitäts-Training zur Abbau von Gewaltbereitschaft beiträgt.
 
Siehe dazu die Arbeiten von Dr. Jörg-Michael Wolters, „Kampfkunst als Therapie“, Frankfurt 1992,
[7] oder die Arbeit  „Gewaltprävention und -therapie durch Karate an Schulen“ von Ralf Brünig, Schulsportreferent Deutscher Karate Verband e.V., Affalterbach, September 2002
 
Diese Entwicklungen und die zunehmende Zahl von Fach-, Examens-, Diplom- und z. T. Doktorarbeiten zum Thema Jugend, Schule und Karate zeigen, dass Karate in Zukunft keine Randsportart und kein" Exot" mehr sein wird, sondern eine selbstverständlich ausgeübte und gelebte Sportart und Kampfkunst an der Schule:
 
Deshalb rufe ich alle Dojo- und Fachübungsleiter auf, sich an die nächstgelegene Schule zu wenden und Karate als Schulsport anzubieten.
 
Claus-Peter Lippert


[1] wegen der zurzeit stattfindenden Umstellung der Bezahlung der Übungsleiter durch die Staatsregierung
     nur unverbindliche Zahlen, die auf den letzten Regelungen basieren

[2] siehe dazu Ausführungen von Ralf Brünig, DKV-Schulsportreferent, 2003 in Wetzlar

[5] Auszugsweise nach Andreas Schölz, Karate an Schulen

[6] siehe dazu KMS des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 15.07.1998
     (AZ V/8-V7400-3/28 908), in dem die Schulen aufgefordert werden, die Sportart Selbstverteidigung
     anzubieten

[7] erhältlich bei  Dr. J.-M. Wolters, Frommholdstr. 58, 21680 Stade